Hufrehe - Trachten hoch vs. Trachten tief

Bearbeitungstechniken
Antworten
BiggiHä
Beiträge: 2
Registriert: Fr 30. Jun 2017, 20:21
Einzugsgebiet: Kellinghusen
Service: kommerzielle Hufbearbeitung

Hufrehe - Trachten hoch vs. Trachten tief

Beitrag von BiggiHä » So 2. Jul 2017, 12:13

Hallo in die Runde,

was macht ihr mit chronischen Rehehufen? Oder auch in subakuten Fällen, oder sogar in akuten Fällen, wenn der Besitzer keinen Tierarzt holen möchte?
Ich würde hier gern eure Erfahrungen sammeln. Wer schont die Trachten bzw. stellt hinten hoch, um den Zug der TBS zu vermindern? Wer setzt die Trachten tief, um das rotierte Hufbein bodenparallel zu bekommen? Lasst euch auch gerne über die Bearbeitung der Zehe aus, da gibt es ja auch Unterschiede, obwohl man sich hier zumindest in der Grundtendenz einig ist?!
Wie sieht für euch der "goldene Weg" aus, also mit Tierarzt, Röntgen etc.?
Viele Grüße aus dem verregneten Norden!

Benutzeravatar
Pat
Beiträge: 2101
Registriert: Do 11. Aug 2011, 14:37
Einzugsgebiet: Heidekreis bis Hannover
Service: gewerblich; Barhufbearbeitung, Duplobeschlag, zertifizierte Duploanwenderin, Hufkurse; F-Balance Professional
Wohnort: Walsrode (Lüneburger Heide)
Kontaktdaten:

Re: Hufrehe - Trachten hoch vs. Trachten tief

Beitrag von Pat » So 2. Jul 2017, 12:26

Das war ja vor zwei Jahren die große Podiumsdisskussion bei den Werkman Spring Games, "to wedge or not to wedge", mit den Ergebnis - mal so, mal so :lol:
Muß man ausprobieren. Was bei Pferd X funktioniert muß bei Pferd Y noch lange nicht funktionieren.

Ich persönlich fange im akuten Stadium mit den getapten Heelekissen an. Funktioniert oft gut, nicht immer. Trachten werden gekürzt und dann hoch gestellt. Hört sich paradox an, aber wenn man einen Augenblick darüber nachdenkt, erschließt sich die Logik.

Tricky wird es mMn im subakuten Stadium. Da müssen sehr individuelle Lösungsmöglichkeiten gesucht werden.

Dianne
Beiträge: 442
Registriert: Mi 28. Aug 2013, 08:31

Re: Hufrehe - Trachten hoch vs. Trachten tief

Beitrag von Dianne » So 2. Jul 2017, 13:58

Vorab: Ohne TA ist je nach Schwere und Reheerfahrung des Besitzers schon tierschutzrelevant.

Eigene Erfahrung (bearbeite selbst) - schwerer Schub 12.05.2017, Huf aufnehmen unmöglich

Tierarzt:
- Aderlaß
- Metacam, überdosiert
30Min. später Laufen & Huf aufnehmen möglich, ab da lahmfrei auf weichem Boden

Floating Boots mit Trachtenerhöhung (Mullbinde quer) 24h
Boxenhaft, 1h ausgewaschenes Heu, Späne
Beine angelaufen, Pulsation

THP:
Tag 4 je Huf 3 Blutegel Kronsaum, danach Pulsation kaum fühlbar, Beine dünn - dauerhaft!
Hufbearbeiter dagehabt, Trachten auf Sohlenniveau runtergenommen, da zu lang (hatte extra 4 Wochen wg. Bearbeitertermins nicht mehr selbst geraspelt)

Tag 6: Metacam abgesetzt, da lt. TCM-TÄ (2.TA) zu hohes Nebenwirkungsrisiko

Tag 7: komplett Symptomfrei, keine Pulsation, Trachtenerhöhung soll schrittweise reduziert werden

Tag 8.& 9: Futterverweigerung ("Magen" wg. Metacam)

Tag 10: leichter Rückfall (ordne ich "Magen" und Hungerstress zu), Trachtenerhöhung wieder auf urspr. Höhe hochgesetzt, diesmal mit dicken Filzstücken, die sich nass perfekt dem Strahl anpassen.

Tag 11: Röntgenbilder 1 & 3,5 Grad Rotation, minimale Absenkung, Pulsation wieder fast weg, kaum noch Wendeschmerz

Tag 12: Pulsation weg, lahmfrei, Trachtenerhöhung schrittweise reduzieren

Nach ca. 3-4 Wochen Hufschuhe weggelassen, Trachten auf Sohlenniveau gehalten, Zehe etwas schwebend geraspelt, von der Sohle her deutlich abgerundet.

Pony steht 20h im erweiterten Knast, OS mit extra gebautem Sandpaddock und darf ein paar Stunden mit anderen Beiden auf abgenagtes Stück und kurz mit aufs überständige, knapp zugesteckte, Gras.
Tägl. 15 Min. freie Bewegung im Roundpen in allen Gangarten.

Spaziergänge nur mit Floating Boots, schwungvolles Laufen auf allen Untergründen.


Fazit:
Aderlaß und Blutegel waren m.M. , zusammen mit dem gut dämpfenden Strahlpolster des Floating Boots kriegsentscheidend.


Trachten hochsetzen oder nicht wird ja genauso befürwortet wie abgelehnt.
Romo Schmidt befürwortet in seinem Rehebuch z.B. sogar das Trachten auf Sohlenniveau setzen und auf keinen Fall erhöhen. (Wir haben ja beides gemacht. Runtergenommen und Erhöhung eingebaut.)
Je nach Schwere und Veränderung der Hufbeinlage schätze ich das kritisch ein, ggf. wird hierdurch die Rotation gar beschleunigt?

Wenn Erhöhung, bin ich, wie bei uns gemacht, für zeitiges schrittweises reduzieren der Höhe.

Hufbearbeitungsintervalle sind aufgrund des verstärkten Wachstums sehr, sehr kurz - sicher auch ein entscheidenderer Punkt als Trachte hoch ja/nein.

(Ich bearbeite vorsichtig min. 1x wöchentlich und konnte dennoch jetzt nach dem ersten Regen doppelte Sohle im hinteren Hufbereich & den Strahl abziehen.)

Tic
Beiträge: 162
Registriert: Mo 9. Apr 2012, 21:12

Re: Hufrehe - Trachten hoch vs. Trachten tief

Beitrag von Tic » Mi 5. Jul 2017, 16:41

BiggiHä hat geschrieben:
was macht ihr mit chronischen Rehehufen? Oder auch in subakuten Fällen, oder sogar in akuten Fällen, wenn der Besitzer keinen Tierarzt holen möchte?
Gar nichts mache ich da.

Auch wenns Tier einem leid tut, von Kunden, die am TA sparen, hält man sich fern.
Akkreditiertes Mitglied der Wolf-Gang

dieter_64
Beiträge: 9
Registriert: Fr 14. Apr 2017, 20:26
Einzugsgebiet: Rheinland Pfalz SPeyer +- 50 km
Rhein-Main Gebiet
Odenwald (Hessen)
Service: Nebenberufl. Hufbearbeiter nach NHC
Hufbearbeitung, Umstellung von Beschlag auf barhuf, Hufschuhe, alles rund um den Huf.

Re: Hufrehe - Trachten hoch vs. Trachten tief

Beitrag von dieter_64 » Do 17. Aug 2017, 14:49

Die Frage stellt sich ja, woher kommt die Rehe?

Aufgrund einer Überlastung, war es eine Futterrehe, oder sogar Vergiftungsrehe....

Auf jedenfall die Ursachen / Auslöser für die Rehe abstellen.

Ausserdem ist Rehe keine Krankheit, sonder ein Zustand aufgrund bestimmter Faktoren, der im Abschluss auch wieder umgekehrt werden kann.
Einfach gesagt: Rehe ist heilbar / austherapierbar.

Eigene Erfahrungen:
Wenn ein akkuter Reheschub stattfindet, bekommt man das doch in den allerwenigsten Fällen mit.
Meist ist der Schub doch schon längst vorbei... was man sieht ist dann nur noch das schmerzliche Laufen nach dem Schub.
Wenn man schnell genug dagegen arbeitet, kann man eine chronische Rehe vermeiden.

Der Reheprozess kann bei geeigneter Hufbearbeitung, egal ob akut oder chronisch umgekehrt werden.

Zur Frage Trachen hoch / niedrig:
Prinzipiell sollte man dafür sorgen, dass das Pferd bequem und schmerzfrei steht.
Das keine Zehenfussung erfolgt. Dies erreicht man in der Regel immer, nach entsprechender Beugeprobe, mit Trachten runter.
Zusätzlich entsprechende therapeutische Masnahmen, entsperchendem Hufbearbeitung + die Zehen entlasten.

Den Tierarzt brauch ich meist nur um Röntgenbilder zu fertigen.
Nur wenn man weis, wo das Hufbein oder wie die Kapsel sitzt, kann man geeignete Masnahmen ergreifen.
Eine chronische Rehe könnte sich auch so äußern, dass nicht das Hufbein, sondern die Hufkapsel rotiert.

Von einer Gabe überdosiertem Schmerzmittel halte ich gar nichts, da hier der Schmerz ausgeschaltet wird, und sich das Pferd nicht seiner aktuellen Verfassung bewegt.
Unter Umständen wird hier alles noch schlimmer.
Mit geeigneten therapeutischen Maßnahmen läuft das Pferd auf anhieb wieder besser.

Therapeuthisch arbeite ich bei Rehepferden immer mit entsprechender Hufbearbeitung, Hufschuh und Polster im Sohlenbereich.
Der Floating Boots ist nicht wirklich für therapeutische Masnahmen zu gebrauchen.
Hier verwende ich den Equine Fusion.
Dieser kann und muß bei einer Rehetherapie 24 Stunden über n Tagen am Fuß bleiben.
Das Pferd darf sich weiterhin frei bewegen, entweder auf Matschkoppel oder kurz gehaltener Weide.
Keine Arbeit in Reithalle oder Roundpen.

Bisher hatte ich immer die Erfahrung dass sich nach ein paar Tagen die Laufsituation deutlich verbessert.
Die Hufbearbeitung / Therapeuthische Maßnahmen werden im Anfangsstadium in kurzen Abständen korrigiert oder überwacht.
Sobald das Pferd schmerzfrei läuft kann es auch wieder geritten werden. (immer mit Hufschutz)
Anfangs im Schritt... später in allen Gangarten.

Ein einsperren in Boxen wirkt sich meiner Erfahrung immer negativ aus.
Das Pferd muss sich frei bewegen können.

Um eine chronische Rehe umzukehren plane ich ein Zeitfenster von mindestens bis zu 12 Monaten ein.

Zur Frage ob die Rotation beschleunigt wird:
Die Rotation wird nur beschleunigt, wenn das Hufbein nicht durch therapeuthische Masnahmen am absenken gehindert wird, Bsp: entsprechendes Polster in der Sohle.
Ich entferne die Polster in der Regel erst, bis sich das Laufverhalten sichtlich verschlechtert.
Sprich: Polster wird entfernt, wenn das Pferd mit Polster schlechter als ohne Polster läuft.

Selbst Pferde die kurz vorm Durchbruch gestanden haben, erfreuen sich heute bester Gesundheit und sind wieder reitbar.


Anmerkung zu Dianne:
Wenn Du die Trachten schrittweise herunter nehmen kannst / konntest, vielleicht sind ja prinzipiell die Trachten zu hoch?
Zu hohe Trachten begünstigen immer eine Zehenfußung.
Zehenfußung ist meist auch Auslöser einer Strahlbeinentzündung.
Eine Strahlbeinentzündung kann auch eine Rehe auslösen.

Anmerkung zu Tic
Hufbearbeitung sollte immer zum Wohl des Tieres erfolgen.
Es gibt auch Leute, die sich den TA nicht leisten können, warum auch immer.
Die Aussage, man sollte sich von Kunden die am TA sparen fern halten, ist einfach nur blöd gebabbel... :doh: :roll:
Geht gar nicht.
Du wirst gerufen, das Du dem Tier helfen sollst und bei entsprechender Ausbildung auch helfen kannst.
Auch wenn kein TA gerufen wird, hast Du immer noch genug Möglichkeiten.
Im übrigen wird ein Tierarzt nichts aktiv machen.
Letztendlich wird er ein Hufpfleger oder Schmied rufen....
Schon aus diesem Grund wird dich der Kunde, sofern er auf Dich und Deine Arbeit vertraut, in der Regel immer vor dem Tierarzt anrufen....
Was natürlich nicht ausschliest, dass man letzendlich doch einen TA ruft.
Also von daher..Deine Aussage..... :naughty:

Benutzeravatar
Nupur
Beiträge: 431
Registriert: Fr 7. Jun 2013, 00:53
Einzugsgebiet: Region Hannover

Re: Hufrehe - Trachten hoch vs. Trachten tief

Beitrag von Nupur » Mo 21. Aug 2017, 11:57

dieter_64 hat geschrieben:Das keine Zehenfussung erfolgt.
Ich habe in meinem ganzen Leben noch kein Rehepferd mit Zehenfußung gesehen...

Anmerkung zu Tic
Hufbearbeitung sollte immer zum Wohl des Tieres erfolgen.
Es gibt auch Leute, die sich den TA nicht leisten können, warum auch immer.
Die Aussage, man sollte sich von Kunden die am TA sparen fern halten, ist einfach nur blöd gebabbel... :doh: :roll:
Geht gar nicht.
Du wirst gerufen, das Du dem Tier helfen sollst und bei entsprechender Ausbildung auch helfen kannst.
Auch wenn kein TA gerufen wird, hast Du immer noch genug Möglichkeiten.
Im übrigen wird ein Tierarzt nichts aktiv machen.
Letztendlich wird er ein Hufpfleger oder Schmied rufen....
Schon aus diesem Grund wird dich der Kunde, sofern er auf Dich und Deine Arbeit vertraut, in der Regel immer vor dem Tierarzt anrufen....
Was natürlich nicht ausschliest, dass man letzendlich doch einen TA ruft.
Also von daher..Deine Aussage..... :naughty:
Ganz im Gegenteil. An einem Schmerzpatienten hat der Hufbearbeiter alleine nichts zu suchen. Das ist ethisch nicht zu vertreten und rechtlich absolut verboten. Wer also haftungs- und strafrechtlich nicht in Teufels Küche kommen möchte, der macht genau das, was Tic gesagt hat.

Antworten